CD-Rezensionen zu "Das Fest im Meer" (NCA 60155)



CD-Tipp: Jörn Arneckes "Das Fest im Meer"
Genussvolles Eintauchen
"Sein Meisterstück" nannte die Kritik Jörn Arneckes Musiktheater nach der Uraufführung im Hamburger Kampnagel vor drei Jahren. Schon ehrenhaft genug, dass der junge Mann überhaupt einen Opernauftrag der Hamburgischen Staatsoper bekam - der Mitschnitt der Produktion unter der Leitung von Cornelius Meister liegt nun für alle zum Nachhören auch noch frisch auf CD vor, klangtechnisch erstklassig auf Hybrid SACD Surround zum genussvollen Eintauchen in eine sehr spezielle Klangwelt.
"Das Fest im Meer" bedient sich des Romans "Auf dem Weg zur Hochzeit" von John Berger (1995) und erzählt - im Vergleich zur Vorlage erstaunlich linear - die Geschichte von Ninon, die sich nach ihrer HIV-Diagnose von Gino trennen will. Der hält an seiner Liebe fest und plant die Hochzeit im Po-Delta, zu der auch die jeweilige Verwandtschaft anreist. Dürre Beschreibung für ein hochpoetisches und -politisches Zeitporträt Mitteleuropas zwischen 1968 und 1994. Und ganz schön viel Stoff für eineinhalb Stunden modernes Musiktheater.
Aber Jörn Arneckes Partitur beschwört eine ganz eigene Atmosphäre, löst simultane Ereignisse polyphon auf und legt verschiedene Gedanken collageartig übereinander, ohne zu überfrachten oder zu überfordern. 17 Instrumentalisten und sechs Sänger (wunderbar die Ninon der Maite Beaumont) sind gefordert, in nie abgeschmackte Klangsphären einzutauchen. Trotz fehlender Geigen leuchtet ein mediterranes Licht durch diese Musik, die von Geräuschen über Vierteltöne bis zur Kantilene vieles nutzt, was zwischen Barock und Avantgarde "erfunden" wurde. Dicht gewirkt, dennoch filigran und sparsam kommt diese Musik daher, vielsagend und spezifisch auf Figuren und Situationen bezogen - klischeefreie Schönheit inklusive. Cornelius Meister setzt all das vom Pult aus höchst sensibel ins (Hör-)Bild.
IW, meier (das stadtmagazin), Mai 2006


Was wäre die Oper ohne an Schwindsucht leidende Frauen? Doch heute sind es andere Krankheiten, die zur Geißel ganzer Generationen werden, als in der Hochblüte des romantischen Musiktheaters. Krebs zum Beispiel und AIDS. Wenn Jörn Arnecke in seiner ersten abendfüllenden Oper eine mit HIV infizierte Frau auf die Bühne bringt, stellt er sich gleichzeitig in den Kontext der Musiktheater-Tradition. Wie Violetta bei Verdi oder Mimi bei Puccini, so ist auch Ninon dem Tod geweiht. Kurz bevor sie heiraten möchte, erfährt sie, dass sie HIV-positiv ist. Ihr Freund entschließt sich dennoch, sie zu heiraten. Die Hochzeit feiern sie mit einem Fest im Meer, sie setzen sich an einen Tisch im Wasser, das gleichermaßen für Leben und Tod stehen kann. Die Vorlage für sein Libretto hat Francis Hüsers, Produktionsleiter an der Hamburgischen Staatsoper, in John Bergers Roman "To the Wedding" gefunden. Berger erzählt darin unter Auflösung der Chronologie von verschiedenen Menschen, die unterwegs zu einem Hochzeitsfets sind. Um ein fassbares Musiktheaterstück daraus zu machen, hat Hüsers den Fokus auf das Liebespaar und dessen Väter sowie eine der Mütter gerichtet.
Die AIDS-Erkrankung dient nicht nur dazu, auf das gesellschaftliche Problem von Ausgrenzung aufmerksam zu machen. Sie stellt auch einen Kunstgriff dar, um eine Extremsituation zu schaffen, in der sich das Leben gegen den Tod behaupten muss, die Menschen etwas erfahren, was ihnen ohne die Konfrontation mit dem Ende nicht einleuchten würde: Die Möglichkeit des Glücks. Denn wie bei den Paaren in der "Bohème" oder "La Traviata" so wird auch die Liebe zwischen Ninon und ihrem Mann Gino dadurch vollkommen, dass ihre Ewigkeit eine des Augenblicks ist. Und die Eltern-Generation mit ihren 68er-Ambitionen, für die bisher das "Gesetz der Trägheit" galt, wie das Libretto durchblicken lässt, wird dazu genötigt, sich noch einmal daran zu erinnern, dass die Liebe die stärkste Kraft ist. Ein Stoff also, der in unsere Zeit passt.
Der 1973 in Hameln geborene Komponist Jörn Arnecke betont denn auch, dass er verstanden werden möchte. Er setzt nicht auf der theoretischen Höhe einer esoterischen Kompositionsschule an, sondern stellt durch seine Musik ganz grundsätzlich die Frage, welchen Sinn es hat, wenn Menschen sich auf einer Bühne ansingen. Und wie viele seiner erfolgreichen Vorgänger kommt er zu dem Ergebnis, dass der Gesang eine Überhöhung des gesprochenen Wortes ist. Arnecke geht deshalb äußerst bewusst mit den Stimmen seiner Sänger um und setzt nicht auf schrille Klänge, die dem natürlichen Bedürfnis von Stimmapparat und Gehör nach Spannung und Entspannung widerstreben. Arneckes Singstimmen sind aus dem Sprachduktus heraus entwickelt, ohne jedoch sklavisch der Satzmelodie zu folgen. Das Deklamieren auf Tonhöhen verwendet er ebenso wie den vollen Gesangston. Dabei wahrt er stets eine kammermusikalische Grundatmosphäre, deren instrumentale Basis ein 17-köpfiges Ensemble unter Leitung von Cornelius Meister bildet. Das kompositorische Material ist aus einem Bereich der Obertonreihe entwickelt, der sich der bewussten Wahrnehmung entzieht. Doch trotz einer höchst komplizierten Faktur bleibt das klangliche Erlebnis stets nachvollziehbar. Fast könnte man das "Fest im Meer" als moderne Konversationsoper bezeichnen, wenn der Kerngedanke weniger tragisch wäre. Die Partien der Sänger sind zwar schwer zu singen, verlangen jedoch nicht, ein Orchesetr überbrüllen zu müssen. Und so kann Maite Beaumont im Mitschnitt der Hamburger Uraufführungsproduktion von 2003 in der Rolle der Ninon regelrecht aufblühen. Moritz Gogg als ihr Bräutigam gefällt mit einem ungekünstelten Gesang. Die Väter sind luxuriös besetzt mit Tomas Möwes und dem immer noch großartig präsenten Dieter Weller, der im nächsten Jahr seinen 70. Geburtstag feiert. Großes Lob gebührt auch einem weiteren Ensemblemitglied der Hamburgischen Staatsoper, der Mezzosopranistin Renate Spingler als innerlich zerrissene Mutter der Ninon.
J. Schmitz, Das Opernglas, 3/2006


Jörn Arnecke, 1973 in Hameln geboren und in Hamburg lebend, hat sich mittlerweile mit mehreren Musiktheaterwerken als hoffnungsvoller Komponist in diesem Genre profiliert. Seine hier eingespielte Kammeroper Das Fest im Meer basiert auf dem Roman To the Wedding von John Berger, den Francis Hüsers als Libretto einrichtete. Auffällig ist die äußerst delikate Instrumentation, die stimmungsvolle und technisch interessante und ausgereifte musikalische Gestaltung der einzelnen Szenen; einnehmend auch die geschickte Dosierung von Gesang und Sprechtexten, die natürlich wirkt, ohne konventionell zu sein, und die der Oper das gibt, was diese braucht, ohne aber artifizielle Stimmakrobatik in den Vordergrund zu schieben. Da es sich um ein fast intimes Kammerspiel mit nur wenigen Personen handelt, erfreut den Hörer die Textverständlichkeit wie auch die Charakterisierung der einzelnen Personen. Das Stück kommt angesichts der Anlage verschiedener Handlungsmotive doch zielgerichtet voran, ist weder zu lang noch zu kurz.
Die Einschränkung der Gesamtbewertung betrifft eigentlich im Wesentlichen die Vorlage, für die aber letzten Endes auch der Komponist, da er sie nun einmal ausgewählt hat, geradestehen muß: Hier findet sich ein merkwürdig disparates Geflecht von thematischen Andeutungen zwischen Prager Frühling 1968, Emigrantenschicksal in Frankreich, Familientradition in Italien, Liebesgeschichte zwischen den Völkern und schließlich eine in diesem Zusammenhang etwas unmotiviert wirkende Problemschürzung durch eine AIDS-Erkrankung. Jedes dieser Themen hätte eine eigene Geschichte verdient; die lose Verquickung aller bleibt beliebig und ein wenig oberflächlich. Dennoch ist diese Produktion geeignet, den Komponisten bekannt zu machen und kennenzulernen, nicht zuletzt durch die dankenswert opulente Präsentation mit Librettotext und Kommentaren.
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität: 10
Gesamteindruck: 7
(Bewertungsskala: 1-10)
Hartmut Lück, Klassik heute, 23. Februar 2006


Mit einer atmosphärisch dichten, ätherisch feinnervigen Musik umkleidet Jörn Arnecke sein Drama um ein HIV-infiziertes Paar, dessen Liebe alle Widerstände übersteht und in das "Fest im Meer" mündet, ein Totenmahl und Requiem. Mit seiner als Auftragswerk der Hamburgischen Staatsoper im Juni 2003 uraufgeführten Oper "Das Fest im Meer", deren CD-Mitschnitt nun vorliegt, gelang dem damals 30-jährigen Arnecke ein hoch sensibel ausgeleuchtetes Kammerspiel, das gerade durch seine lautere, ruhige und zurückhaltende, ohne aufpeitschende Emotionen auskommende Musik anspricht. Im Mittelpunkt der nach dem Roman von John Berger "To the Wedding" entworfenen Szenenfolge steht Ninon, die erfahren hat, dass sie HIV-positiv ist und nun ihrem Geliebten Gino den Ring zurückgeben will. Währenddessen reisen aus Prag ihre Mutter und aus Frankreich ihr Vater zur Hochzeit an, und Ginos Vater Federico gibt endlich seine Einwilligung zur Hochzeit, die an der Mündung des Flusses stattfindet. Cornelius Meister bringt die wundersamen, unverbrauchten Klänge der Partitur zum Leuchten, ihre schwebende Innigkeit und den zarten Glanz. Das Ensemble, vor allem Maite Beaumont als Ninon, bietet eine fesselnde Leistung.
RF, crescendo, 1/2006


Ohrenschmaus für Opernfreunde: "Das Fest im Meer" von Jörn Arnecke
Die zeitgenössische Musik erneuere sich in der Oper, hat der junge, vom ehemaligen Staatsopernintendanten Louwrens Langevoort geförderte Komponist Jörn Arnecke einmal gesagt und gleich zwei davon für die Hamburgische Staatsoper geschrieben. Damit sich nicht nur die Avantgarde im allgemeinen, sondern auch die Erinnerung an seinen Opernerstling "Das Fest im Meer" im speziellen erneuern läßt, ist jetzt der Mitschnitt der Uraufführung beim Hamburger Label NCA/Membran erschienen.
Im Vergleich zu seinem Musiktheater "Butterfly Blues" scheint das fragile, aus szenischen Fragmenten zusammengesetzte Drama um ein HIV-infiziertes Paar viel packender. Jede Emotion, auch die verzweifelteste der zum Sterben bereiten und wegen ihrer Infektion dem Geliebten entsagenden Ninon (hervorragend Maite Beaumont), wird von einer schwebenden Klangwolke absorbiert, die die Philharmoniker unter Leitung von Cornelius Meister subtil vorübergleiten lassen.
Es ist eine atmosphärische Musik, die auch bei den klischeehafteren Figuren wie dem lächerlich vor sich hin warnenden Vater Jean (Tomas Möwes) in ihrer lähmenden Ruhe verharrt. Nicht jede Reaktion, nicht jede Assoziation findet so die erwartete Entsprechung, denn der Fokus bleibt allein auf die Unzerstörbarkeit der Liebe und Ginos (Moritz Gogg) Treue zur Geliebten gerichtet. Am Ende steht das Fest, ein vorgezogenes Totenmahl oder eben ein lebendiges Requiem für die Selbstaufopferung, bei dem die zart-transparente Musik förmlich in die Körper des allen Widrigkeiten zum Trotz vereinten Paares eindringt und Losgelöstheit vom Irdischen symbolisiert.
hpe, Die Welt, 21. Dezember 2005


Jörn Arnecke
Liebe und Tod, unmittelbar miteinander konfrontiert: Das ist der Kern der 2003 auf Kampnagel uraufgeführten Kammeroper "Das Fest im Meer". Und nicht nur Librettist Francis Hüsers hat sich dem behutsam genähert, auch der junge Hamburger Komponist Jörn Arnecke findet für die Geschichte um die Hochzeit der HIV-kranken Ninon eine ebenso subtile wie facettenreiche Klangsprache, schafft damit auch in diesem Live-Mitschnitt sehr atmosphärische Musik.
ff, Hamburger Morgenpost (plan 7), 9. Februar 2006