Interviews: Hamburger Abendblatt: Die eigene Geschichte erzählen



In der Opera stabile erhalten vier junge Komponisten eine Bühne

Die eigene Geschichte erzählen


Die Hamburgische Staatsoper und die Hochschule für Musik und Theater veranstalten im Februar und März 2001 eine Komponistenwerkstatt, die jungen Komponisten Erfahrungen mit dem professionellen Opernbetrieb ermöglichen soll. Wir sprachen mit zwei Teilnehmern über ihre Arbeit und die Zukunft der Oper.

Wie würden Sie Ihre Musik charakterisieren, schwebt Ihnen ein kompositorisches Ideal vor?


Ideal wäre, wenn der Hörer von meiner Musik gefangen genommen wird und das ganze Stück über dranbleibt. Dass er etwas findet, das für ihn überraschend ist - das ist für mich ein Hauptaspekt von Neuer Musik. Es ist ja so vieles schon da gewesen. Neu muss heißen, Interesse zu wecken. Dafür ist es mir wichtig, meine Stücke in eine klare Form zu bringen. Es soll für den Hörer ein Ablauf erkennbar sein, er soll immer wissen, wo im Stück er sich gerade befindet. Diese strukturelle Klarheit ist entscheidend.

Wie können Ihnen die Erfahrungen bei der Komponistenwerkstatt helfen, diese Vorstellungen in die Praxis umzusetzen?


Man kann den Opernraum heute nicht mehr so füllen, wie man das früher gemacht hat: vorn die Bühne, und das Publikum sitzt davor. Daher mein Wunsch, dass die Instrumentalisten wirklich eingebunden sind in das, was auf der Bühne passiert, nicht nur als musikalische Untermalung. In meinem Stück "Wir spielen Frieden" von Erich Fried steht abwechselnd einer der Instrumentalisten im Vordergrund der Bühne, so dass immer eine andere Perspektive des Stückes deutlich wird - da muss man natürlich überprüfen, wie dieses Konzept aufgegangen ist.

Ein echter Opernfreund hat bald 400 Jahre Tradition und gut 100 Repertoirestücke im Hinterkopf - mit entsprechenden Hör- und Sehgewohnheiten. Wie gehen Sie mit dieser Tradition um?


Es geht nicht, dass man die Tradition außen vor lässt. Hier wurden viele Erfahrungen gemacht, die wir heutigen Komponisten nutzen können. Trotzdem gibt es Dinge, die sich verbraucht haben. Entscheidend ist: Wie geht man heute mit Handlung um? Muss es eine Geschichte geben, die irgendjemand schon erzählt hat, und ich erzähle sie wieder und packe etwas Musik dazu? Ich denke nicht. Es ist wichtig, dass man seine eigene Geschichte erzählt.

Die Medien unserer Zeit sind Film, Fernsehen, Computer und www. Hat die alte Dame Oper nicht ausgedient? Was kann man heute mit einer Oper - und nur mit einer Oper - noch vermitteln?


Ich denke nicht, dass die Oper tot ist. Was sie vor allem bietet, das ist ein direkter Kontakt zum Publikum. Eine Oper umfasst so viele Dinge: Handlung, Stimme, Instrumente, Aussage, dass man damit sehr komplexe Bezüge herstellen kann.

Neue Musik hat es ohnehin schwer, und das Opernpublikum ist tendenziell eher konservativ. Wie wollen Sie einen klassischen Opernbesucher für Ihre Musik interessieren?


Ich würde mal ganz frohgemut sagen: indem man gute Musik schreibt. Und ich glaube auch, dass das funktioniert. Denn wenn ein Stück so spannend ist, dann kann man damit viele Vorurteile wegschwemmen, so dass die Leute einfach zuhören müssen. Das Publikum, das heute in die Premieren geht, wird nicht immer die Opernhäuser füllen. Das heißt, die Oper muss sich Gedanken machen, wie sie ein neues, junges Publikum holt. Ich glaube, wenn man dafür wirbt, kann man auch sehr viele Leute begeistern, die von vornherein nicht unbedingt in die Oper gehen würden.

Interview: Ilja Stephan

Hamburger Abendblatt (Beilage MUSIK), Februar 2001