Interviews: Nordbayerischer Kurier: "Ich wollte es so richtig brausen lassen"



"Ich wollte es so richtig brausen lassen"

Gespräch mit dem Komponisten Jörn Arnecke - Uraufführung beim Festival junger Künstler

Beim letztjährigen Festival junger Künstler gelangten von dem jungen Komponisten Jörn Arnecke einige Lieder und vor allem seine Bearbeitung für Kammerorchester der Mozart-Oper "Le nozze di Figaro" zur Aufführung. Die gute Resonanz, insbesondere vonseiten der Verantwortlichen des Jugendfestspieltreffens, Sissy Thammer und Siegfried Palm, führte zu dem Auftragswerk für Orchester, das nun am Sonntag in der Bayreuther Stadthalle uraufgeführt wird.

Herr Arnecke, hat die Uraufführung für Sie eine besondere Bedeutung, und wie fügt sie sich Ihrer Meinung nach in das Gesamtkonzept des Festivals?


Bayreuth war für mich schon lange eine Art alter Traum. Mein erstes intensives Opernerlebnis hatte ich mit dem "Lohengrin", da wurde ich zum ersten Mal von der Handlung einer Oper richtiggehend gepackt. So ist es natürlich besonders schön, dass nun gerade hier mein Werk "Folie" uraufgeführt wird. Dass es damit einen jungen Komponisten getroffen hat, passt sehr gut zum Gesamtkonzept des Festivals. Ich habe hier eine große Bereitschaft gefunden, sich auf Neues einzulassen.

Sie haben bei zwei namhaften Lehrern studiert, in Paris bei Gérard Grisey und jetzt in Hamburg bei Peter Michael Hamel. Können Sie etwas zu Ihrer Lehrer-Schüler-Beziehung erzählen?


Zu Hamel bin ich nach meinem Aufenthalt in Paris gegangen, da ich bei Grisey viele Anregungen für neue Denkstrukturen erfahren habe und die dadurch gemachten Anregungen auch in Deutschland über ein neues Umfeld erweitern wollte. Bei Hamel ist es sehr erstaunlich und außergewöhnlich, wie er sich um seine Schüler kümmert. Er nimmt sich immer Zeit, versucht, uns auch als Mensch zu entdecken, und lässt einen frei. Man kann daher sicher nicht von einem "Hamel-Stil" seiner Schüler sprechen. Wir werden angetrieben, einen eigenen Weg zu gehen.

"Folie" ist Ihr drittes Orchesterstück. Besteht eine Verbindung zu den vorhergehenden?


Das erste Stück, "Nachtferne", das in Paris uraufgeführt wurde, ist sehr eckig, motorisch und relativ konstruktiv. Beim zweiten Werk für Orchester, "Frage", habe ich eine größere Differenzierung in den Streicherpart gelegt. Nun hoffe ich bei "Folie", einiges des damit Ausprobierten in eine größere "Rundung" bekommen zu haben, es soll alles ein wenig ausgefüllter klingen. Der französische Einfluss in "Folie" ist sicher stark, auch habe ich nie zuvor mit so vielen Geräuschen experimentiert. In "Folie" wollte ich es auch einmal so richtig "brausen" lassen.

Welchen Sinn haben Geräusche in Ihrem Werk? Das ist ja eine Komponente, die vielen Zuhörern noch unverständlich bleibt, da sie bei Musik eben an "normale" Töne denken.


Geräusche halte ich gerade beim Orchester für sehr wichtig für eine Erweiterung des Klangspektrums. Durch die Potenzierung über die Instrumentenanzahl wird der Effekt solcher Dinge sehr viel deutlicher. Was man beim einzelnen Instrument vielleicht schon nicht mehr hören kann, ein leises Streichen oder Kratzen zum Beispiel, das wird durch die Vielheit erfahrbar und bekommt Atmosphäre. Ich denke auch, dass durch die Verwendung dieser Mittel eine Melodie oder etwas Melodiehaftes viel stärker wirken kann. Die Melodie kann so aus dem Geräusch geboren werden, somit ist dieses nicht die Darstellung des erstickten Klanges, was ja eine andere Deutung sein könnte. Ich möchte die lyrische Möglichkeit des Geräusches entdecken.

Wie lief die Probenarbeit mit dem Orchester und dem Dirigenten Ferenc Gábor?


Sehr gut! Es ist sehr selten, dass man jemanden trifft, der so gut vorbereitet ist, der die Partitur so genau studiert hat und dann auch noch eine so effiziente Probenarbeit durchführt, wie Herr Gábor dies hier tut. Das Interesse des Orchesters wird von Probe zu Probe immer größer. Sie müssen sich ja auch erst an die neuen Klänge gewöhnen. Es ist schön, dass überhaupt so viel Probenzeit zur Verfügung steht, was sicherlich eine Ausnahme ist, aber ja gut zur hiesigen Arbeitsatmosphäre passt. Es ist sehr motivierend, für ein solches Festival zu schreiben.

Wie sind Ihre Vorhaben in der nächsten Zukunft, und wie sind Ihre Perspektiven als Komponist?


Zunächst einmal werde ich mein Studium in Hamburg im Oktober mit den Diplomprüfungen beenden. Als ein nächstes zu komponierendes Werk besteht bereits der Auftrag für ein Posaunenkonzert mit Orchester. Dann arbeite ich auch noch als Musikjournalist, auch das werde ich vorläufig beibehalten. Außerdem würde ich die Erfahrungen, die ich dieses Jahr auf der Münchener Biennale mit meinem Opernbeitrag machen konnte, gerne weiter ausbauen. Das Musiktheater bietet eben ein unglaublich großes Potenzial, das für einen Komponisten immer reizvoll ist. Insgesamt gesehen denke ich, dass man Träume einfach wagen muss. Ich habe den Idealismus, dass, wenn man gute Stücke schreibt, sie sich auch durchsetzen.

Wolfram Graf, Nordbayerischer Kurier, 25. August 2001