Interviews: Süddeutsche Zeitung: Frauenheld und Todesbote



Frauenheld und Todesbote

"Teatro minimo": Sechs Komponisten und das Odysseus-Thema

Neue Stücke in den Opernspielplan - das ist eine schöne Forderung und ein hehrer Vorsatz. Doch für Intendant Peter Jonas ist es ein echtes Problem, Komponisten zu finden, die ein Stück für den Repertoirebetrieb eines großen Hauses schreiben können. Mit Alexander Pereira, dem Intendanten der Zürcher, hat er deswegen einen Nachwuchswettbewerb ausgeschrieben. Die beiden Häuser riefen vor einem Jahr junge Komponisten dazu auf, ein Expose für ein etwa 15-minütiges Musiktheaterstück einzureichen. Thema: Odyssee. Aus rund 80 Einsendungen wählte eine Jury sechs Entwürfe aus. Als "Teatro minimo" sind die Stücke jetzt, auf zwei Abende aufgeteilt, zu sehen. Grund genug für die Frage an die Kandidaten:

Was hat sie an dem Stoff der Odyssee interessiert, und warum komponieren sie überhaupt eine Oper?

Jörn Arnecke, Jahrgang 1973: Ich habe aus der Odyssee den Aspekt herausgeschnitten, dass Odysseus nach Hause zurückkommt, und habe mich gefragt, ob das heute überhaupt noch denkbar wäre: dass eine Frau fast 20 Jahre auf einen Mann wartet. Das ist für mich ein Punkt, an dem man merkt, dass der alte Mythos nicht mehr dem Gefühl der heutigen Zeit entspricht. Deswegen breche ich ihn [in meinem Stück "Wieder sehen"], am Ende wechselt die Geschichte in "Draußen vor der Tür" von Borchert, das ist für mich die heutigere, glaubwürdigere Sicht. Für mich ist im Musiktheater wichtig, dass ich eine Geschichte erzählen kann. Gleichzeitig ermöglicht die Musik, dass ich Bezüge zwischen verschiedenen Ebenen herstellen kann, ohne es direkt zu sagen, das heißt, ich kann sehr poetisch sein.

Miriam Stumpfe, Süddeutsche Zeitung, 23./24. Juni 2001

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