Interviews: Die Welt: "Die zeitgenössische Musik erneuert sich in der Oper"



"Die zeitgenössische Musik erneuert sich in der Oper"

Vor der Premiere an der Opera stabile: Jörn Arnecke über "Butterfly Blues", sein musikalisches Kammerspiel um zwei Immigrantinnen

Es ist schon sein zweiter Opernauftrag von der Hamburgischen Staatsoper, und wieder hat sich der junge Hamburger Komponist Jörn Arnecke ein heikles Thema ausgesucht. In seiner Kammeroper "Butterfly Blues" nach einem Theaterstück von Henning Mankell erzählt er die Geschichte der Afrikanerinnen Ana und Sara, die von Schleppern nach Europa gebracht werden und hier kriminellen Kräften schutzlos ausgeliefert sind. Für die WELT sprach Helmut Peters mit Jörn Arnecke.

Stoffe des schwedischen Autors Henning Mankell wurden bislang kaum für die Oper herangezogen. Wie kamen Sie darauf?


Bei Mankell habe ich in sehr konzentrierter Form gefunden, was ich mir für eine Oper, die in der Gegenwart spielt, vorstelle: die Möglichkeit einer gesellschaftspolitischen Stellungnahme und zugleich eine sehr knappe und plastische Sprache, die sich hervorragend für eine Vertonung eignet.

Können Sie die Probleme von Immigranten auch persönlich nachvollziehen?


Wenn man in einem Land lebt, dessen Sprache man nicht beherrscht, dann ist das Gefühl des Zurückgestoßenseins unausweichlich. Das habe ich selbst erfahren, als ich in Frankreich studiert habe. In meinen Erinnerungen wurzelt die Fähigkeit, dieses Empfinden sowohl musikalisch als auch dramaturgisch noch zu überhöhen.

Ist die Häufung von enttäuschten Hoffnungen und das Abrutschen in die Kriminalität bei Mankell nicht arg übertrieben?


Ja, aber ich denke, im Musiktheater wird das viel stärker gebündelt. Mankell zeigt Typen, fast karikaturhafte Gestalten, die Klischees aufnehmen und damit auch zeigen, daß es Klischees sind. Die Musik stellt das Sujet in einen ganz anderen Raum, auf diese Weise wird die Gefahr einer überzeichneten Sozialkritik ziemlich gebannt.

Hat Ihre Oper eine politische Botschaft?

Nein, ich verstehe sie weniger als konkreten Appell denn als Signal, als Aufruf, eine andere Perspektive einzunehmen und Dinge wahrzunehmen, über die wir viel zu oft hinwegsehen. Die Oper als Beitrag zur Diskussion um ein neues Ausländergesetz zu interpretieren, wäre falsch und banal.

Welche Hoffnung bleibt den beiden Frauen am Ende?


Die eine wird in die Prostitution verkauft, und die andere weiß nicht mehr, in welcher Welt sie eigentlich zu Hause ist. Was sollen diese Menschen tun? Sollen sie sich an die Umgebung anpassen oder auf ihre eigenen Kulturen konzentrieren? Ich glaube, wer in einer solchen Lage ist, muß mit unerhörten Kompromissen leben.

Inwiefern unterscheidet sich die Musik zu "Butterfly Blues" von der Ihrer vorangegangenen Oper "Das Fest im Meer"?


Sie ist von einer größeren Aggressivität und Direktheit, andererseits gibt es aber auch traumartige, lyrische Bereiche.

Was fasziniert Sie nach sieben szenischen Werken noch immer so an der Oper?

Vielleicht ist es der Reiz, eine gesellschaftliche Aussage mit Musik treffen zu können, was mit reiner Orchestermusik schwieriger ist und oft auch etwas bemüht wirkt. Ich denke, daß das Musiktheater die Kunstform ist, in der sich die zeitgenössische Musik am besten in ihrer Erneuerung beweisen und weiterentwickeln kann.

Wie kommt es, daß sich Ihr Schaffen und Wirken so sehr auf die Hamburgische Staatsoper konzentriert hat?

Ich habe mit der Komponistenwerkstatt gerade im rechten Moment die richtige Situation vorgefunden. Ich denke aber, ich habe mittlerweile auch genügend außerhalb Hamburgs gemacht.

Die Welt, 26. März 2005