Porträts: Hamburger Abendblatt: "Die Wahrheit ist nicht so einfach"



"Die Wahrheit ist nicht so einfach"

Komponist: Der junge Hamburger Jörn Arnecke erhält den Hindemith-Preis

Als vor einigen Wochen der sprichwörtliche Anruf kam, nicht aus Hollywood, sondern aus Lübeck, war die erste Frage, ob er sich setzen könnte. Jörn Arnecke konnte. Und tats dann auch. Denn nach dem Anruf von Christian Kuhnt, dem Künstlerischen Direktor des Schleswig-Holstein Musik Festivals, war der 30 Jahre alte Hamburger Komponist um einen Hindemith-Preis und 20 000 Euro reicher. Nicht seine erste Auszeichnung (im letzten Jahr beispielsweise erhielt er eines der Bachpreis-Stipendien der Stadt Hamburg), aber die bislang renommierteste.
In Arneckes zielstrebigem Lebenslauf finden sich viele illustre Auftraggeber und gute Adressen: Er hat unter anderem für die Bayerische Staatsoper komponiert, und während seiner Lehrzeit bei Gérard Grisey in Paris auch Erfahrungen an Boulez' IRCAM-Institut sammeln können. "Das war eine sehr wichtige Zeit, weil von Grisey alles in Frage gestellt wurde. Da wurde mir zum ersten Mal klar, dass die Wahrheit nicht so einfach ist." Die letzten beiden Studienjahre bei Peter Michael Hamel in Hamburg haben "viel Mut gegeben und eine Handschrift vorgelebt".
Dreh- und Angelpunkt der Karriere jedoch ist die Hamburger Oper. Von dort, via Peter Ruzicka, kam der Impuls, mit sechs anderen Jungtalenten ein Stück für die Musiktheater-Biennale in München zu schreiben, es folgte unter anderem ein Auftrag für die Kammeroper "Das Fest im Meer", und noch am Abend der Premiere gab Intendant Langevoort bekannt, dass Arnecke ein zweites Stück liefern soll. An dem arbeitet er jetzt, konsequent und unter einem kleinen Deckmäntelchen, denn nach wie vor gibt es rechtliche Probleme mit der Textvorlage. Doch die, so hofft er, sind bald geklärt. Für April 2005 steht die Premiere im Spielplan. Die Zeit läuft.
Dennoch: kein Grund, nervös zu werden. Denn Arnecke weiß sehr gut, was er will. "Eine Musik schreiben, die klanglich aufregende harmonische Zusammenstellungen bietet und trotzdem auch Poesie und eine gewisse Wärme." Deswegen durchwachte Nächte voller Selbstzweifel sind mittlerweile Vergangenheit. "Vielleicht gäbe es sie, wenn ich etwas anderes tun würde." Zu den abgehakten Möglichkeiten zählt auch das journalistische Schreiben über Musik: "Inzwischen bin ich sehr froh darüber, dass ich mich öffentlich nicht mehr äußern muss", findet er.
Die Entscheidung gegen einen klassischen Brot- und für den klassischen Künstlerberuf fiel erst während des Zivildienstes. Mit der berühmt-berüchtigten Blockflöte fing alles an, dann folgten Cello und Klavier, und das alles im verträumten kleinen Hameln, da fehlte es zunächst an Maßstäben für die Qualität der eigenen musikalischen Ideen und Vorstellungen. Sein Vater, ein Ingenieur, habe wohl noch bis nach dem Hochschul-Diplom auf eine Wende zum Solideren gehofft, berichtet er lächelnd. Den Zivildienst absolvierte Arnecke als Pianist und Cellist in München, teilweise im damals einzigen Kammermusik-Ensemble Deutschlands dieser Art, das in Senioren-Einrichtungen auftrat. Die Aufnahmeprüfung war da bereits bestanden. Mittlerweile ist Arnecke selbst Dozent, er hat seit 2001 eine Teilzeitprofessur an der Hamburger Musikhochschule inne, bei der er Komponisten der nächsten Generation Theorie pauken lässt.
Arneckes Opus 1 - für Klavier - erlebte seine Premiere in der Hamelner Jugendmusikschule, das erste größere Stück war ein Chorwerk. Nie wieder aufgeführt, feixt er heute, aber eben der erste größere Schritt. Der Werkkatalog ist von der Vielseitigkeit der Formate bestimmt, neben den Musiktheater- stehen vor allem Ensemblestücke. "Bei den Streichquartetten hatte ich zunächst Hemmungen, aber inzwischen sind doch schon zwei geschrieben. Was ich mir aber noch aufgespart habe: ein zyklisches Werk für Orchester." Demnächst muss ein Stück für ein Kammermusikfestival in Linz abgegeben werden, danach ist "alles wieder offen" im Auftragsbuch. Doch seit kurzem ist er - trotz der Möglichkeiten, die ein Computer und Noten-Software bieten - in einem Verlagsprogramm, um die Chancen auf dem hart umkämpften Markt besser nutzen zu können.
Dieses Hangeln von Bestellung zu Bestellung verlangt nach disziplinierter Kreativität, den Luxus des Drauflosschreibens muss man sich da erst einmal gönnen können. Die Frage nach dem "Was wäre, wenn..." beantwortet Arnecke dann auch sehr clever: "Dann würde ich mir nur Stücke wünschen, aber ohne Anlässe - ein Orchesterstück, ein Ensemblestück für zehn bis 20 Musiker, und als Drittes eine große Oper. Der äußere Rahmen ist zwar toll und wichtig, aber daran hängts nicht. Ein schlechtes Stück in einem großen Rahmen ist viel übler als in einem kleinen. Einmal vor aller Augen verbrannt ist schon schlimm." Arneckes größter "Hit" ist übrigens sein Cello-Solo-Stück "Einsamer Gesang". "Doch", relativiert er sofort, "das sind natürlich alles keine Zahlen, an die ein Henze auch nur einen Gedanken verschwenden würde."
Die beruflichen Fragen sind beantwortet, bleibt noch das Wesentliche zu klären, schließlich wollte Arnecke mal Fußball-Profi werden. Wer gewinnt in der nächsten Bundesliga-Saison? "Natürlich hätte es der HSV verdient! Aber ich fürchte, es werden wieder die Bayern."
Am 2. August, 19 Uhr, erhält Jörn Arnecke den Hindemith-Preis im Rahmen eines Festkonzerts im Reinbeker Schloss. Die Laudatio hält Christoph Becher, Chefdramaturg der Hamburgischen Staatsoper. Das Mandelring Quartett spielt Hindemiths Streichquartett Nr. 4 und Arneckes "Inschriften". Das Schleswig-Holstein-Musik-Festival-Orchester (Leitung: Lothar Zagrosek) erarbeitet u.a. Arneckes "Folie", das Konzert findet am 19. August im Theater Itzehoe statt.

Joachim Mischke , Hamburger Abendblatt, 30. Juli 2004