Porträts: UnKRAUT: Musik im Kopf



Musik im Kopf

Wer an Komponisten denkt, hat vermutlich automatisch das Bild einer Beethoven-Büste vor sich, einen vornehmen älteren Herrn mit graumelierter Künstlermähne zum Zurückwerfen. Jörn Arnecke aus Hameln hat zwar auch eine Mähne, ist aber erst 23 Jahre alt. Komponieren tut er trotzdem, und zwar mit wachsendem Erfolg. Schon als kleines Kind lernte er ein Instrument zu spielen, mit acht Jahren probierte er an der Heimorgel erste eigene "Kompositionen" aus. "In der Jugendmusikschule habe ich dann Komposition und Musiktheorie gelernt", erzählt Jörn. Seitdem zieht sich das Thema Komposition als roter Faden durch sein ganzes Leben; 1990 wurde zum ersten Mal eins seiner Stücke aufgeführt. "Viele Leute stellen sich den alltag eines Komponisten so vor: So um 11 Uhr aufstehen, erstmal gemütlich Kaffee trinken, und dann kommt die geniale Idee." Mit der Realität hat das rein gar nichts zu tun. Zum Komponieren gehört Konzentration und viel harte Arbeit, die sich zum Teil im Kopf ("Irgendwann hört man das Orchester in Gedanken und kann sich vorstellen, wie welches Instrument an welcher Stelle klingt."), zum Teil aber auch ganz anders abspielt: "Wenn man tatsächlich etwas aufführen will, muß man sich um die komplette Organisation selbst kümmern, man muß die Musiker ansprechen und viel rumtelefonieren", weiß Jörn, der zur Zeit in Hamburg Komposition studiert. Trotz dieses Aufwandes und der nicht gerade rosigen Zukunftsaussichten für Komponisten kann Jörn sich beim besten Willen nicht vorstellen, etwas anderes zu machen: "Ich habe mal überlegt, ob ich Jura studieren soll. Aber ich glaube, als Rechtsanwalt wäre ich nicht glücklich geworden. Die Musik gehört einfach zu mir." Mittlerweile ist Jörn für sich selbst zu der Überzeugung gekommen, daß "die persönliche und die musikalische Entwicklung eng zusammenhängen. Man komponiert so, wie man ist". Aber natürlich komponiert man nicht für sich selbst, sondern auch für das Publikum: "Die Musik soll Menschen berühren. Für mich ist es wichtig, daß jeder Zuhörer eigene Assoziationen zu meiner Musik entwickelt." Allerdings ist auch einem überzeugten Anhänger der klassischen und der "modernen klassischen" Musik wie Jörn Arnecke nicht verborgen geblieben, daß gerade junge Leute momentan Rock- oder Popmusik, Techno und Dancefloor der klassischen Variante oft vorziehen. "Ich will zwar nicht das Vorurteil bestätigen, daß wir Komponisten in einem Elfenbeinturm leben, aber den momentanen Musikgeschmack verstehe ich einfach nicht." In seinen Augen ist nämlich klassische Musik alles andere als langweilig: "Ein gutes Musik-Stück zeichnet sich für mich dadurch aus, daß man immer wieder etwas Neues darin entdeckt, auch wenn man es schon 20 mal gehört hat." Und: Auch klassische Musik kann "richtig abgehen". Hier einige Beispiele, die Jörn sozusagen als "Klassik für Einsteiger" empfiehlt: Der "Walkürenritt" von Richard Wagner, "Konzert für Orchester" von Béla Bartók und einige Werke von Franz Schubert.
Übrigens: Wer Jörn Arnecke live erleben möchte, sollte am 6. August um 18.15 Uhr in die Münsterkirche kommen. Hier werden im Rahmen der "besinnlichen Stunde" einiger seiner Stücke aufgeführt.

Edda Fahrenhorst, UnKRAUT (Beilage der Deister- und Weserzeitung), 6 / 1997